Nadelöhr
Tagesanzeiger vom 9.7.2004, Christoph Merki DIE BERGKATZE Tonspuren der anderen Art: Das Zürcher Quartett Nadelöhr untermalt im Schiffbau-Atrium live einen Ernst-Lubitsch-Film aus den 1920er-Jahren. Nach Worten muss er nicht suchen. Christian Strässle, Violinist
von Nadelöhr, erzählt beredt vom Fantasieland Piffkaneiro,
vom «feschen» Offizier Alexis und von Rischka, der Räubertochter
in Lubitschs Stummfilm «Bergkatze» von 1921. Ins Räsonieren
kommt er über den «völlig überraschenden Gang» einer
Liebesszene. Das Treffen mit Strässle und dem Saxofonisten Christoph
Grab in einem Zürcher Cafe gerät kurzweilig. Wunderbar kann
man sich mit den beiden in Diskussionen über Filme und anderes verwickeln. Im Schüttelbecher der Stile «Merry Melodies» liess aufblitzen, dass Nadelöhr auch innerhalb der Musik gewagt herumsurft. Ein kammermusikalischer Eklektizismus, der Stile genussvoll im Schüttelbecher mixt. Die unbekümmerte Ästhetik des amerikanischen Saxofonisten John Zorn fällt einem ein. Alles paart sich mit allem (und das immer erstaunlich geschmackssicher): Jazz, Heavy-Rock, Soul, eine Kontrapunktik aus der klassischen Musik, Minimal-Texturen, Salon-Geigengefiedel, Trash, mit dem Synthesizer simulierte Blasmusik. Eine Musik aus Einsprengseln und Schnipseln. Das neueste Programm von Nadelöhr hat nun aber am Ende doch mehr Ähnlichkeit mit dem vorletzten Programm «Charming Stories» (1999), sagt Grab. Dieses kreiste um die surrealen Texte des verstorbenen russischen Avantgarde-Dichters Daniil Charms - die Musik war hierbei aufs Ganze gesehen ruhiger, und für einzelne Ideen blieb mehr Zeit. «Lubitschs Film ist wunderschön», bemerkt Strässle, «wir wollten keine Musik machen, die sich in den Vordergrund drängt, den Film modernisiert oder einen Kontrapunkt zu ihm setzt.» Eine reine Begleitmusik ist ihnen aber auch zu wenig. Mit Klaviergeklimper wie in der Stummfilmära hat ihre Arbeit wenig zu tun. Genauso wenig freilich mit den auf kleinste dramatische Effekte hin durchgestalteten Partituren einer Hollywood-Filmmusik. Eine ausgeschriebene Partitur existiert gar nicht - die in nur vier Wochen entwickelte improvisatorische Anlage der Musik bringt es mit sich, dass nicht auf jede zugeschlagene Tür mit einer musikalischen Entsprechung reagiert wird. Lubitschs «Bergkatze» spielt in einer wundersamen Welt, in der sich Räuber und Soldaten tummeln, wo zwei Liebende - der Offizier und Schürzenjäger Alexis und Rischka - wegen Standesunterschieden nicht zusammenfinden dürfen, eine Liebesgeschichte, die tragisch wäre, wäre sie denn nicht so grotesk. Der Film parodiert die Stilmittel des Expressionismus, ist als frühe Militärparodie und als geniales Formexperiment (für die Ausstattung war Max Reinhardts Bühnenbildner Ernst Stern zuständig) in die Filmgeschichte eingegangen. Auf Monitoren verfolgen die vier Nadelöhr-Musiker - neben Grab und Strässle der Keyboarder Mathias Gloor und der Tubist Leo Bachmann - das Geschehen. Die Musik zwischen Komposition und Improvisation ordnet den charakteristischen Figuren des Films klingende Pendants zu, die, je nachdem, wieder aufgegriffen werden. «Der eitle Alexis hat ein Geigenmotiv», sagt Strässle, die Räubertochter findet sich im derberen Saxofonklang wieder, der Räuberhauptmann in der Tuba. Und alles ist immer so, äussert sich Strässle, dass die Musik nicht ins Plakative absinkt - zu einfach will man es sich schliesslich nicht machen. «Die Bergkatze» von Ernst Lubitsch mit der Livemusik von Nadelöhr (heute Freitag, 9. 7., 21.45 Uhr) ist eine Koproduktion des Filmpodiums mit dem Moods. Es ist dies der Auftakt zu weiteren Openair-Filmen und Konzerten im Atrium, dem Innenhof des Schiffbaus, bis zum 14. August. Frühere Projekte: MERRY MELODIES CHARMING STORIES NADELöHR SEPTETT NADELöHR
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